Gründerinnen-Kolumne

Wie krieg ich eine Gründerpersönlichkeit?

Einige Menschen sind einfach nicht für Selbstständigkeit und Gründen gemacht, hörte unsere Kolumnistin in einem Gründungsvortrag. Zum erfolgreichen Business gehöre mehr als nur eine pfiffige Gründungsidee und der Wunsch sich selbst etwas aufbauen zu wollen. Man müsse eine Gründerpersönlichkeit haben. Sie fragte sich daraufhin: Würde ich einen Gründer erkennen, wenn er jetzt zur Tür reinkäme? Kommen die Leute, die das Zeug zum Gründen haben schon mit der Gründerpersönlichkeit zur Welt? Wann ist ein Gründer ein Gründer und wie stets mit Gründerinnen?

Acht Komma fünf von zehn Gründern tragen hellblaue Hemden, ein wichtiger Baustein im Konzept der Gründerpersönlichkeit. Die ohne blaues Hemd sind Frauen. Laut einer Umfrage sind nur 15,1 Prozent der Startup-Gründer weiblich. Müssen wir im digitalen Post-Gender-Alltag überhaupt noch über diese rein äußerlichen Unterschiede sprechen? Mann, Frau, Transgender, AI, ist das nicht latte? Inwieweit ist Geschäftserfolg eine Frage der Optik und was macht die Gründerpersönlichkeit wirklich aus?

So sehen Gründer aus

Mein Sohn singt seit neustem „So sehen Sieger aus, schallalala“, wenn er beim Fangen gewinnt. Lass uns hier auch mal etwas spielen. Hier die Anleitung: Scroll Dich durch diese Seite oder eine beliebige andere, die sich mit den Themen Gründen, Startups oder Business befasst. Jetzt zähl die blauen Hemden, die Du dort findest. Auf die Plätze, fertig, los! Ich zähle sieben blaue Hemden in weniger als dreißig Sekunden. Ha! So sehen Sieger aus, Schallala… Moment mal. Sehen so Sieger aus? Trägt der Teufel Prada und der erfolgreiche Unternehmer ein blaues Hemd? Ist die Gründerpersönlichkeit eher eine Frage oder Optik oder des Charakters?

Beim Gründen findet kein Persönlichkeitstest statt

Gründen kann in Deutschland jeder, der das 18. Lebensjahr vollendet hat und die erforderlichen Unterlagen, wie Ausweise und Formulare für die Gewerbeanmeldung, vorlegt. Kleidung und Haarschnitt werden dabei nicht abgefragt. Warum sehen sich die Jungs, die Dir aus den Erfolgsmeldungen zulächeln alle so ähnlich? Vermutlich weil sie glauben, dass man ihnen die Gründerpersönlichkeit nur dann abnimmt.

Wer die Gründerpersönlichkeit mitbringt, hat’s leichter

Einen Anhaltspunkt bringt das Schmidtchen-Schmidtchen-Prinzip. Das wurde u.a. von Tanja Schwarzmüller und Isabell Welpe von der TU München in Recruiting-Prozessen untersucht. Danach stellen Vorgesetzte gerne Leute ein, die ihnen selbst ähnlich sind oder zumindest erstmal so wirken. Die Ähnlichkeit weckt Vertrauen. Wem könnte der Chef eine wichtige Aufgaben besser übertragen, als jemandem, der so ist, wie er selbst?

Wer jetzt glaubt, er könnte Schmidtchen entkommen, indem er gründet, freut sich zu früh. Eine amerikanische Studie bewies: Der selbe Pitch wird eher finanziert, wenn ihn ein Mann hält, statt einer Frau. Denn fast kein Kapitalgeber-Schmidtchen ist heute eine Frau. Besonders erfolgreich waren in den Versuchen übrigens die Männer, die nicht nur Mann, sondern auch noch attraktiv waren.

Gründer haben (Charakter-)Stärke, Gründerinnen auch?

Wer erfolgreich Gründen will, braucht also einen attraktiven Mann. Aber Äußerlichkeiten sind vergänglich. Für Erfolg brauchst Du auch Gründer-Mindset und laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung bestimmte Charaktereigenschaften. Erfolgreiche Gründer wiesen Extraversion, Emotionale Stabilität und Offenheit auf. Hör sofort auf zu Nicken! Frag dich stattdessen: Was ist mit Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Umsichtigkeit? Derartiges Charakterisieren geht nämlich leider schwer ohne über Geschlechterrollen zu sprechen. Ein Verhalten, das bei einem Mann als Durchsetzungsfähig gelobt wird, wird bei einer Frau als Zickigkeit sanktioniert. Meine Augen kippen mir vor lauter Rollen fast in den Hinterkopf. Doch selbst, wenn wir es nicht wollen, ertappen wir uns dabei Geschlechter mit zweierlei Maß zu messen. Am Ende der Diskussion um die Gründerpersönlichkeit landest Du darum doch wieder beim Keyword Risikofreudig und denkst an den blassen Typen im hellblauen Hemd, Du Schmidtchen!

Jeder und Jede, der oder die gründet, hat eine Gründerpersönlichkeit

Die Krux dabei ist: Das Schmidtchen-Prinzip funktioniert nicht. Nicht jeder unsympathische Typ im Hoodie erfindet das nächste Facebook, weil er schlecht gelaunt und noch schlechter anzogen ist. Nur weil Du ein Mann bist, wirst Du nicht erfolgreich sein und nur weil ich eine Frau bin, finde ich im Waschzettel des hellblauen Hemds auch keine Anleitung zum erfolgreichen Unternehmertum. Egal ob Du alt, jung, dick, dünn, blond, brünett bist; egal welche Hautfarbe und welches Geschlecht Du hast: Du hast eine Gründerpersönlichkeit, ab dem Moment, ab dem Du gründest. Schließlich findet man auch ab und zu Gründer ohne blaue Hemden, aber niemals Gründer ohne Persönlichkeit.

Über den Autor

Autorenprofil: Juliane Schreiber

Juliane Schreiber

Juliane Schreiber gründete 2018 das Startup Mama Meeting und lernte dabei nicht nur viel über’s Gründen, sondern auch darüber, wie es ist sich als Female Entrepreneur in Start-Up- und Geschäftswelt behaupten zu müssen. Zuvor war sie in leitender Position an der Universität zu Köln tätig, verantwortete den Oberbürgermeisterwahlkampf 2014 für die SPD in Düsseldorf, bloggte und veröffentlichte Bücher rund um Digitalisierung und Beziehungen. Bei TV- und Printredaktionen, sowie in Agenturen in Deutschland und Dubai lernte sie das journalistische Handwerk. Ihre Gründerinnen-Kolumne erscheint wöchentlich auf Gründer.de.