Interview über nachhaltige Erfolgsstrategien und die größten Hürden für Gründer

Gründer-Geheimnis: Wie spart VYTAL tausende Einwegverpackungen pro Tag ein?

Wer schnell in der Mittagspause oder völlig ausgehungert nach der Arbeit in einem Restaurant etwas zu essen mitnimmt, benutzt dabei jedes Mal eine Einwegverpackung und produziert Müll. Doch wie kann es auch anders klappen – denn schließlich soll es ja schnell gehen und für mehr Nachhaltigkeit bleibt da keine Zeit. Oder vielleicht doch? Das Startup VYTAL hat genau dafür ein digitales Mehrwegsystem für To-Go-Food entwickelt und konnte schon viele Städte sowie zahlreiche Restaurants überzeugen. Wir haben uns mit einem der Geschäftsführer über das Gründer-Geheimnis von VYTAL unterhalten und Details zur Ideenfindung, den vermeidbaren Fehlern und Tipps für angehende Gründer erfahren.

 

Das Thema Nachhaltigkeit war für die Gründer von VYTAL schon immer mehr als ein spontaner Einfall oder ein Hobby nebenbei. Denn schon sehr früh bemerkten Sven Witthöft, Tim Breker und Fabian Barthel aus Köln, dass sich ein eigenes Startup und eine nachhaltigere Lebensweise vereinen lassen. Ihre Vision: Sie möchten ein digitales Mehrwegsystem etablieren, das jedem hungrigen Menschen, Gastronomen, Supermarkt und Lieferdienst endlich eine nachhaltige Alternative zu Einweg und Plastikmüll bietet. Dabei soll der Aufwand jedoch möglichst gering bleiben. Daher können Kunden von VYTAL sich über eine App registrieren, nach To-Go-Angeboten in ihrer Nähe schauen und sogar gefüllte Schalen vorbestellen. Alles komplett kostenlos und ohne Pfand – stattdessen funktioniert das System über eine Befüllungsgebühr, die die Restaurants und Kantinen zahlen.

Und dieses Konzept kommt an: Mittlerweile sind zahlreiche Städte und Restaurants dabei, regelmäßig kann VYTAL neue Partner von der Idee überzeugen. Hinzu kommen der Gewinn des Wissenschaftspreises 2020, ein Auftritt in der Gründershow Die Höhle der Löwen sowie tausende eingesparte Einwegverpackungen pro Tag. Doch wie fing alles an? Wie schafften es die Gründer, ihr Geschäftskonzept umzusetzen? Wir haben im Interview mit Sven erfahren, welche Meilensteine das Startup schon erreichte und welche Hürden sie bis dahin überwinden mussten.

Phase 1: Ideenfindung

Wie entwickelte sich bei Sven das Interesse für Nachhaltigkeit?

Eigentlich beschäftigt sich Sven mit dem Thema Nachhaltigkeit schon fast sein Leben lang. Denn schon in der Schulzeit interessierte er sich sehr für die neuesten nachhaltigen Methoden. Dabei stieß er auch auf das Buch „Faktor 10“ über Ressourcen-Einsparungen, dass sein Interesse noch verstärkte und ihn sehr beeindruckte. Daher schrieb er kurzerhand den Autor an und bat ihn um ein Praktikum im Faktor-10-Institut in Frankreich. Doch der empfahl statt in Frankreich ein Praktikum beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie zu machen, das Forschung zum Thema Ressourceneffizienz in der Nähe von Köln betreibt. Und so begann sein erster Schritt in die Welt der Nachhaltigkeit, die ihn schließlich auch zu seiner Geschäftsidee führte.

Wie entstand daraus dann die Geschäftsidee für VYTAL?

Durch das Praktikum stand zunächst einmal die Studienrichtung fest: Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. Nach dem Studium fing Sven dann als Berater bei BCG (Boston Consulting Group) an, wo er 2016 auch auf seinen späteren Mitgründer Tim traf. Im Frühjahr 2019 sprach Tim, der gerade interimsmäßig bei einem Mehrwegbecher-Startup aushalf, Sven auf einen möglichen Einstieg ins Unternehmen an. Doch genau zu dieser Zeit fuhr Sven auch auf Hochzeitsreise nach Japan und entdeckte dort die sogenannten Bento-Boxen, also praktische Lunchboxen für unterwegs. Als er von dieser Reise zurückkam, schlug er deshalb vor, das Geschäftsmodell noch einmal anzupassen. Denn für Mehrwegbecher gab es schon ein paar Anbieter. Allerdings keine Mehrwegschalen für das abendliche Lieferessen, das sie aus der Beratung kannten. Deshalb schotteten sich Sven und Tim für zwei Tage komplett ab, entwickelten ein neues Konzept und legten damit den Grundstein für VYTAL.

Phase 2: Planung

Wodurch erkannten die Gründer das finanzielle Potenzial ihrer Geschäftsidee?

Um herauszufinden, ob sich das Konzept für das innovative Mehrwegsystem am Ende tatsächlich finanziell lohnen kann, sprachen Sven und Tim zunächst mit potenziellen Kunden über ihre Geschäftsidee. Außerdem bemerkten sie schnell, wie teuer so eine Einwegverpackung tatsächlich sein kann. Denn diese kostet zwischen 30 und 40 Cent. Dagegen lässt sich eine Mehrwegverpackung über 200 mal wieder verwenden und sparen somit insgesamt zwischen 60 und 80 Euro ein. Bei der Kalkulation entstand allerdings auch die Herausforderung, dass die Gastronomen finanziell profitieren sollten, das Startup jedoch natürlich auch finanzierbar sein musste. Bis dort das passende Gleichgewicht herrschte, brauchte es einige Überlegungen und Planungen. Hinzu kam noch die Suche nach einem Produzenten für die Mehrwegschalen, die VYTAL in Holland entdeckte.

Wie haben die Gründer von VYTAL einen Businessplan erstellt?

Bei dieser Frage stellt Sven fest, dass Tim und er zusammen erst einmal wie typische Berater an die Sache herangegangen sind. Denn es gab zunächst ein klassisches Whiteboard mit allen vorhanden Verpackungsmaterialien, Kosten und Fakten zur Müllverursachung. Darauf war zum Beispiel auch zu finden, dass Essensverpackungen knapp 60 Prozent des To-Go-Mülls ausmachen. Die wichtigsten Informationen vereinten sie dann auf einer einzigen Seite und kontaktierten die ersten Gastronomen. Anschließend erstellten sie mit diesen Erkenntnissen einen kompletten Businessplan, mit dem sie auch ein paar Wochen nach der Gründung Mitte 2019 schon an Gründerwettbewerben teilnahmen. Denn schon in dieser Phase war den Gründern klar, dass sie ihr Konzept schnellstmöglich in Deutschland bekanntmachen mussten. Dabei lautete der Plan: Nur wenn genügend Gastronomen teilnehmen, lohnt sich VYTAL am Ende auch für den Kunden.

Wie wichtig war es, als Team zu gründen?

Für Sven ist rückblickend klar, dass er zwar immer den Wunsch hatte ein eigenes Startup zu gründen, diesen Schritt wohl aber ohne Tim nie gewagt hätte. Deshalb ist eine Gründung im Team für ihn sehr wichtig, um sich gegenseitig abzustimmen und auch in der schwierigen Anfangsphase zu unterstützen. Bei Tim war ihm schon durch das gemeinsame Hobby Fußball klar, dass sie sich auch privat gut verstehen. Und durch die gemeinsame Vision der Nachhaltigkeit passte es auch beruflich ideal. Schließlich kam im März dieses Jahres auch noch Fabian dazu, der das Gründerteam komplettierte und ebenfalls an die gemeinsame Vision glaubt. Deshalb rät Sven allen angehenden Gründern im Team zu gründen und auf die berufliche plus die private Ebene zu achten.

Produkt VYTALQuelle: Pressefoto VYTAL
Die praktischen VYTAL-Schalen sind flexibel und lassen sich fest verschließen.

Phase 3: Gründung

Welche Hürden mussten die Gründer direkt zu Beginn bewältigen?

Als die Gründer endlich die Planung und offizielle Gründung von VYTAL im Juni 2019 abgeschlossen hatten, sollte als nächster Schritt eigentlich eine Großbestellung der Mehrwegschalen aus Holland folgen. Doch diese war nicht möglich, da dem Startup eine internationale Steuernummer fehlte und die Beantragung viele Wochen in Anspruch nahm. Das wiederum stellte sich als echte Hürde heraus, da die Geschäftspartner schon auf die Schalen warteten und eigentlich loslegen wollten. Außerdem erinnert sich Sven daran, dass Tim den Sommer 2019 verbrachte, verschiedene robuste QR-Code-Sticker für die Mehrwegschalen zu testen. Auch diese scheinbar simple Angelegenheit warf den Zeitplan immer wieder zurück. Doch Sven rät allen Gründern, sich von solchen unvorhergesehenen Ereignissen nicht unterkriegen zu lassen, da sie letztendlich zur Gründung dazu gehören.

Welche nächsten Schritte folgten dann nach der formalen Gründung?

Nach der Gründung im Juni 2019 stiegen Sven und Tim im Juli zunächst Vollzeit ins Unternehmen ein. Dann folgte im September schon die kostenlose App für Gastronomen und es kamen die ersten Schalen in Umlauf, wobei diese Phase besonders für das Kundenfeedback genutzt wurde. So konnte sich VYTAL auch schon in einer ersten Kantine etablieren, bevor dann überhaupt die Kunden-App folgte. Durch diese wichtige Phase entwickelte sich zum Beispiel erst die Erkenntnis, dass es wichtig ist, alles zusätzlich offline anzubieten. Und somit auch Kunden ohne Handy die Chance zu geben, das System zu nutzen. Generell lohnt es sich also, das Feedback der Kunden und Geschäftspartner mit einzubeziehen, um neue Ideen und Ansätze entstehen zu lassen.

Wie haben beide das ungeliebte Gründer-Thema Steuern bewältigt?

Bei dieser Frage stellt Sven klar, dass sich Gründer gerade bei internationalen Geschäften keine groben Fehler bei den Steuern erlauben dürfen. Deshalb ist es sinnvoll, sich dort gut vorzubereiten und auch beraten zu lassen. Dafür könnte sich zum Beispiel ein Gründer im Team mit dem Thema befassen, um insgesamt bei diesem Thema nicht komplett ahnungslos dazustehen. Trotzdem sieht er keine Notwendigkeit für einen teuren Steuerberater, denn besonders am Anfang ist der steuerliche Aufwand noch relativ gering.

Welchen Fehler würde das Gründerteam von VYTAL heute vermeiden?

Insgesamt sieht Sven keine großen Fehler, wenn er auf die Anfangsphase von VYTAL zurückblickt. Denn obwohl dem Startup zu Beginn die internationale Steuernummer fehlte und der Zeitplan komplett anders kalkuliert war, versteht er diese Erfahrungen nicht als Fehler. Auch die ersten Wochen, in denen es schwer war ihr System in Deutschland bekannt zu machen und sie mühsam einzelne Gastronomen akquirierten, gehörte für Sven zur Gründung dazu. Deshalb würde er heute bei einer Gründung viel mehr Zeit einplanen, um dort nicht in terminliche Schwierigkeiten zu geraten.

Gibt es insgesamt den idealen Standort für eine Gründung?

Für VYTAL war Köln der perfekte Standort für die Gründung, da ist sich Sven sicher. Durch die vielen Restaurants und damit potenziellen Geschäftspartner, aber auch durch das gute Netzwerk im Einzelhandel und die guten Bedingungen für die Mitarbeitersuche, konnten die Gründer von der Großstadt profitieren. Generell muss laut Sven der Standort aber zum Geschäftsmodell passen. Wer keine Laufkundschaft besitzt und nur einen Onlineshop betreibt, kann somit möglicherweise auf einen Standort in der Nähe einer Stadt verzichten.

Phase 4: Wachstum

Welcher  Meilenstein sorgte für den ersten großen Erfolg von VYTAL?

Bis zum März 2020 finanzierte sich das Startup selbst, erst dann wurde das beantragte EXIST Gründerstipendium bewilligt. Kurze Zeit später trat VYTAL dann in der Gründershow die Höhle der Löwen auf und konnte den Investor Dr. Georg Kofler für sich gewinnen. Dieser Tag entpuppte sich schließlich auch als großer Glücksgriff für das Startup, denn seitdem ging es laut Sven steil bergauf. Als dann im März noch Fabian als dritter Mitgründer einstieg und neue Städte sowie zahlreiche Kooperationspartner hinzukamen, war der erste wichtige Meilenstein geschafft. Besonders stolz sind sie bis heute, dass durch VYTAL jeden Tag mehrere tausend Einwegverpackungen eingespart werden können.

Mit welcher Strategie wurde VYTAL so erfolgreich?

Wenn Sven auf den Unternehmensaufbau zurückblickt, sieht er einen großen Vorteil in der Strategie, sich direkt ein Kundenfeedback einzuholen. Denn ohne ein perfektes System oder eine funktionierende App zu besitzen, haben beide direkt nach Feedback gefragt. Und die Meinung der Gastronomen und Restaurantbesucher nutzten sie wiederum für Anpassungen. Außerdem trifft das Konzept auch den Nerv der Zeit, denn das Startup kann immer wieder seine Glaubwürdigkeit beweisen, indem zum Beispiel jeder Kunde in der App ganz genau sehen kann, wie viel Verpackungen er schon eingespart hat.

Welche Marketing-Kanäle funktionierten besonders gut?

Auch wenn sich natürlich Instagram mittlerweile zu einem wichtigen Marketingkanal für Startups entwickelt, sollten Gründer laut Sven das sogenannte Word-of-Mouth-Marketing nicht vergessen. Denn besonders für neue Angebote kann es sehr vorteilhaft sein, wenn die Kunden so begeistert sind, dass sie ihren Freunden und Verwandten davon erzählen. Dafür sollten Gründer am besten direkt mit den Kunden sprechen und ihre eigene Idee authentisch vertreten. Aber auch klassische Flyer können sich für regionale Angebote und für Testzwecke lohnen, um ein Produkt insgesamt bekannter zu machen.

Welche Tipps möchte Sven angehenden Gründern geben?

Viele Startups scheitern daran, dass eine Idee zu lange im stillen Kämmerchen durchkalkuliert wird. Denn Svens Einschätzung nach trauen sich Gründer oftmals nicht an die Öffentlichkeit. Weil sie Angst davor haben, jemand könnte sofort die eigene Geschäftsidee kopieren. Doch seine Erfahrung hat gezeigt, dass hinter einem Unternehmen mehr steckt als eine bloße Idee. Die vielen Schritte der Umsetzung können nicht alle möglichen Konkurrenten bewältigen. Und genau deshalb sollten Gründer schnellstmöglich ihre Idee bei potenziellen Kunden vorstellen und am Markt testen. Dann kann dieses wertvolle Feedback in die Entwicklung einfließen und das Produkt optimieren.

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Über den Autor

Autorenprofil: Insa Schoppe

Insa Schoppe

Direkt nach dem Abitur entschied sich Insa für ein „Multimedia Production“-Studium in Kiel, danach folgten praktische Erfahrungen in einer Fernsehproduktionsfirma. Anschließend startete sie ein Volontariat in der Redaktion eines Radiounternehmens und wurde als Redakteurin übernommen. Zu ihren Aufgaben gehörten neben der Recherche und Texterstellung auch tägliche Nachrichten sowie die Verantwortung für mehrere Magazine. Im März 2020 wechselte Insa von der Radio-Redaktion in die Online-Redaktion von Gründer.de und unterstützt seitdem das Team als Junior-Online-Redakteurin.

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