Selbst und Ständig als Gründer

Wenn du über die Selbstständigkeit nachdenkst, wirst du mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Eines der bekanntesten Klischees rund um das Lebens als Gründer ist, dass diese „selbst“ und „ständig“ arbeiten. Von wegen ausgewogene Work-Life-Balance oder mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten – oder?

Tatsächlich liefert der „Deutsche Startup Monitor 2018“ zu diesem Thema nun einige spannende Erkenntnisse. Wieso also sieht das Leben eines Gründers in Deutschland wirklich aus? Welche Vorurteile haben einen wahren Kern – und welche eher nicht?

Wie sieht das Leben deutscher Gründer aus: Work-Life-Balance oder 56-Stunden-Woche?

Um gleich das erste Klischee auszuhebeln, widersprechen sich laut der Studie viel Arbeit und eine ausgewogene Work-Life-Balance nicht. Demnach spielt der Wunsch nach Unabhängigkeit für viele Gründer bei der Entscheidung für die Selbstständigkeit eine tragende Rolle. Sie sehnen sich nach einem Leben ohne „Chef“, der ihnen sagt, was sie wann und wie tun sollen. Stattdessen möchten sie sich ihre Arbeitszeiten selbst einteilen und die Arbeitsinhalte eigenständig gestalten. Das Stichwort lautet Work-Life-Balance und mit dieser sind immerhin 65 Prozent der Gründerinnen und Gründe vollkommen zufrieden. Demgegenüber gaben nur 16,7 Prozent der Befragten an, mit ihrem Zusammenspiel zwischen Berufs- und Privatleben unzufrieden zu sein. Das Vorurteil, dass Selbstständige eine gute Work-Life-Balance haben, besitzt somit tatsächlich eine Daseinsberechtigung. Das bedeutet aber nicht, dass das andere Klischee bezüglich den übermäßig vielen Wochenstunden nicht stimmt.

Im Gegenteil: Die Erhebung kam weiterhin zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche deutsche Gründer mehr als 56 Stunden pro Woche arbeitet – und das nicht selten zu ungewöhnlichen Zeiten wie am Wochenende oder bis spät in die Nacht. Wer also davon ausgeht, dass Selbstständige übermäßig viel sowie sehr lange arbeiten, hat durchaus recht. Die durchschnittliche Arbeitszeit entfällt zu knapp 49 Stunden auf die Wochentage von Montag bis Freitag. Dementsprechend arbeiten viele Gründer am Wochenende über sieben zusätzliche Stunden. Im Vergleich dazu liegt der Bundesdurchschnitt aller Erwerbstätigen bei gerade einmal 35,6 Wochenarbeitsstunden. Die Frage noch der 56-Stunden-Woche beziehungsweise Work-Life-Balance ist also kein Entweder-oder – sondern ein Sowohl-als-auch.

Deutsche Gründer arbeiten viel, aber wenig am klassischen Arbeitsplatz

Die Unternehmensgründung ist somit kein Zuckerschlecken. Dennoch sind Gründer mit ihrer Lebens- und Arbeitssituation im Großen und Ganzen zufrieden. Was für dich aber auch interessant sein könnte, ist eine weitere Erkenntnis des „Deutschen Startup Monitors 2018“: Demnach entstehen 40 Prozent der Arbeitsleistungen von Selbstständigen in Deutschland außerhalb des Büros. Sie haben also nicht mehr unbedingt einen klassischen Arbeitsplatz, an welchem sie morgens ihre Arbeit beginnen und abends in den Feierabend starten. Stattdessen arbeiten viele Gründer vermehrt „remote“, sprich ortsunabhängig. Die Kommunikation findet derweil über digitale Medien wie das Smartphone, Tablet oder den Computer statt. Etwa 26,6 Prozent der Arbeitszeit entfallen auf das Home-Office. Somit ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Selbstständigkeit des Öfteren tatsächlich einfacher als in einem klassischen Angestelltenverhältnis. 15,8 Prozent ihrer Arbeitsleistung erbringen Gründer von unterwegs.

Nur wenige Gründer von Startups haben Angst vor dem Scheitern

Ein weiteres Vorurteil, welches sich hartnäckig hält und die Selbstständigkeit angeblich so schwierig machen soll, ist die ständige Angst vor dem Scheitern. Gründer wissen angeblich nie, wie es nächsten Monat weitergeht und ob sie im Fall einer Krankheit oder einer Insolvenz überhaupt ausreichend abgesichert sind. Die ständigen Sorgen müssen doch eine große Belastung darstellen, oder?

Falsch, verrät die Studie. Zwar sind sich die Gründer durchaus bewusst, dass das Scheitern eine Option ist – und zwar eine nicht allzu unwahrscheinliche. Dennoch haben sie in vielen Fällen einen Plan B und machen sich daher nur wenige Sorgen um ihre Zukunft. Fast 60 Prozent der Befragten würden einfach erneut ein Startup gründen. Übung macht bekanntlich den Meister und viele erfolgreiche Startups wurden von zuvor gescheiterten Gründern ins Leben gerufen. Elf Prozent würden sich hingegen als Freelancer am Markt probieren und fast vier Prozent könnten sich vorstellen, die Rolle zu wechseln. Sie würden fortan als Investor beziehungsweise Business Angel am Markt agieren. Demgegenüber könnten sich mehr als 25 Prozent der Selbstständigen durchaus vorstellen, ein Angestelltenverhältnis einzugehen – fast die Hälfte davon wiederum gerne in der Startup-Szene. Ganz so schlimm wie ihr Ruf scheint sie also doch nicht zu sein.

Deutsche Gründer sind vor allem eines: zuversichtlich!

Überhaupt herrschen bei deutschen Gründern positive Gefühle wie Zuversicht vor – und nicht ständige Ängste oder Sorgen. Mehr als die Hälfte der Befragten bewerten ihre Geschäftslage aktuell mit gut und weitere 41 Prozent immerhin mit befriedigend. Nur knapp sieben Prozent der Gründer haben aus wirtschaftlicher Sicht Anlass zur Sorge. Auch in Zukunft gehen zwei Drittel der Startups davon aus, dass die Geschäftslage günstig sein wird. Das verbleibende Drittel geht größtenteils von einer gleichbleibenden zukünftigen Wirtschaftslage aus. Nur 1,8 Prozent der Befragten sind hingegen bezüglich der nächsten sechs Monate negativ eingestellt.

Fazit

Es gibt somit keinen Grund, dich durch die Vorurteile der „harten“ Selbstständigkeit von deinem Gedanken an eine Gründung abbringen zu lassen. Dennoch kommt Erfolg eben nicht von selbst. Lange Arbeitszeiten oder das Scheitern lassen sich nicht ausschließen, wenn du dich für das Startup entscheidest. Wie du allerdings gemerkt hast, ist ein Plan B wichtig, um dir Sorgen und Existenzängste vom Hals zu halten. Ebenso brauchst du eine ordentliche Portion Zuversicht und eine solide Finanzlage. Schlussendlich musst du wohl selbst entscheiden, ob das Leben als Gründer für dich geeignet ist und du die notwendigen Eigenschaften mitbringst – oder eher nicht. Es ist nämlich nicht prinzipiell besser oder schlechter als jenes in einem Angestelltenverhältnis, aber gewiss besser oder schlechter geeignet für dich ganz persönlich. Diese ist also die Frage, über welche du tatsächlich nachdenken solltest…!