Mitarbeiter Arbeitszeit

„Der frühe Vogel fängt den Wurm.“
Oder auch: „Morgenstund hat Gold im Mund.“
Statt zu motivieren, sind diese Sprüche voller Häme, wenn du dich morgens aus dem Bett quälst, um pünktlich im Büro zu sein. Auf geht es in einen neuen Arbeitstag, an dessen Ende vermutlich noch ein oder zwei Überstunden folgen, weil dein Vorgesetzter immer mehr von deinem Team erwartet.
Das Problem: So funktioniert das nicht. Denn mehr Arbeitszeit im Büro heißt noch lange nicht, dass du auch mehr leistest.

Weshalb Überstunden überflüssig sind

Eigentlich klingt die Rechnung logisch: Wer mehr Stunden arbeitet, kann auch mehr leisten.
Für Maschinen mag das auch durchaus zutreffend sein. Nur sind wir Menschen keine Maschinen, die unbegrenzt laufen. Wir liefern nicht auch nach zehn Stunden noch hochwertige Ergebnisse. Wir werden müde, sind ausgelaugt, und die Konzentration lässt nach. Langfristig werden wir krank und die gesamte Arbeitsleistung sinkt. Länger und mehr zu arbeiten, führt schlichtweg nicht zu mehr oder besserer Leistung.
Das ist eigentlich logisch. Trotzdem klammern sich erstaunlich viele Unternehmen und Menschen an den Irrglauben, dass Überstunden die beste Lösung sind, wenn viele Projekte und Deadlines anstehen. Statt Arbeitsprozesse zu verbessern oder mehr Fachkräfte einzustellen, fällt die Wahl fast immer auf die einfache Lösung: Überstunden für die Belegschaft. Selbst, wenn dies langfristig nur schadet.

Zuviel Arbeit macht krank

Schon sehr wenige Überstunden machen sich gesundheitlich bemerkbar. Bereits ab zwei Überstunden pro Woche gab die Hälfte der 20.000 Befragten einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin an, unter Müdigkeit, Erschöpfung und Rückenschmerzen zu leiden. Je höher die Arbeitszeitbelastung war, desto mehr Menschen litten gesundheitlich. Bedenkt man, dass Beschäftigte in Deutschland im Durchschnitt fünf Überstunden pro Woche leisten, zeichnet dies ein bedenkliches Bild.

Weshalb wir uns an die Arbeitszeit klammern

Aber wieso orientieren wir uns an der Zahl der im Büro abgesessenen Stunden, wenn doch längst bewiesen ist, dass zu viel Arbeit krank macht und auch nicht die Produktivität erhöht?
Weil man Arbeitsstunden messen kann. Das ist zumindest eine mögliche Antwort. Die Stechuhr ist unbestechlich, sie gibt gnadenlos an, wann ein Mitarbeiter seine Schicht begonnen und wann er sie beendet hat. Das macht vergleichbar und erschafft eine Skala, an der man sich orientieren kann. Leistung und Loyalität werden mit artiger Befolgung festgelegter Arbeitszeiten gleichgesetzt.
Kreativität, Produktivität und Innovation lassen sich jedoch deutlich schlechter in Zahlen festhalten. Dabei sind genau dies die Dinge, die maßgeblich zum Erfolg eines Unternehmens beitragen.

Es geht nicht nur um Eulen, Lerchen und Gleitzeit

Bist du eher eine Eule oder eine Lerche? Eulen kommen morgens kaum aus dem Bett, sind aber dafür die ganze Nacht bis in den frühen Morgen kreativ. Lerchen sind das genaue Gegenteil. Sie sind wahre Frühaufsteher, werden aber auch früh müde.
In der klassischen Arbeitswelt haben Eulen definitiv das Nachsehen. Morgens sind sie kaum produktiv, und wenn sie dies durch angehängte Überstunden ausgleichen wollen oder müssen, schaden sie ihrer Gesundheit. Lerchen hingegen sind fein raus und profitieren. Aber auch sie leiden unter zu langen Arbeitstagen.
Zum Glück setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass nicht jeder Mensch schon am frühen Morgen seine volle Leistungsfähigkeit erbringen kann. Gleitzeitmodelle sollen es den Angestellten ermöglichen, Arbeit- und Privatleben flexibler zu verbinden.
Der große Haken daran: So wird das eigentliche Problem nur verschleiert, aber nicht gelöst. Denn ob man einen zu langen Arbeitstag um 8.00 Uhr oder um 10.00 beginnt, ändert nichts an den gesundheitlichen Folgen. Und die Produktivität erhöht sich so auch nicht.

Unternehmen müssen umdenken

Unternehmen, die langfristig erfolgreich sein wollen, sind von motivierten und produktiven Mitarbeitern abhängig. Zufriedene Beschäftigte sind gesünder, haben weniger Fehlzeiten, wechseln seltener den Job und bringen sich mit mehr Kreativität und Innovation in das Unternehmen ein.
Kreativität und Produktivität lassen sich aber nicht durch Druck anschalten. Sie stellen sich erst dann ein, wenn es den Mitarbeitern gut geht. Und das tut es bei langen Arbeitstagen so gut wie nie. Wird die Arbeitszeit hingegen reduziert, stellen sich Entspannung und Motivation ein. Tatsächlich kommt es bei einem gut strukturierten Sechsstundentag zu keiner Einbuße in der Produktivität:

Der Erfolg des Sechsstundentags

Was wie ein Traum für viele klingt, ist in Schweden teilweise Realität: Ein Sechsstundentag bei gleichbleibendem Gehalt.
Was ursprünglich als einjähriger Versuch begann, wurde wegen des Erfolges mehrfach verlängert. Und die Zahlen sprechen für sich: In einem Operationssaal der Orthopädie in Sahlgrenska, der erst wegen Personalmangels geschlossen werden musste, wurde mit dem Sechsstundentag plötzlich viel mehr Personal gefunden. Die Mitarbeiter waren weniger krank und es werden mehr Patienten behandelt. Die Wartezeiten verkürzten sich und die Wirtschaftlichkeit der Klinik hat sich verbessert. Andere Einrichtungen, die ebenfalls den Sechsstundentag einführten, berichten von ähnlichen Erfolgen.
Kurzfristig bedeutet dieses Arbeitszeitmodell zwar höhere Kosten. Langfristig dürfte es aber deutlich kostensparender sein: Ausgeruhtes Personal macht weniger Fehler und verursacht weniger Schäden. Zudem fallen viele stressbedingte Krankheiten weg, die Kosten im Gesundheitssektor verursachen. Nicht zuletzt stellt sich die Frage: Ist eine kurzfristige Kostenersparnis wichtiger als die langfristige Gesundheit der Menschen?

Was bedeutet das für dich?

Als Angestellter bist du an die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit gebunden. Auch, wenn Gleitzeit keine endgültige Lösung ist, kann sie ein passabler Weg sein, zumindest in den Zeiten zu arbeiten, in denen du wirklich leistungsfähig bist. Auch im Home Office zu arbeiten, kann deine Produktivität beflügeln, denn hier kannst du deine Zeit wirklich vollkommen frei einteilen, solange am Ende das Ergebnis stimmt.
Als Selbstständiger hast du es hingegen ganz in der Hand. Lebst du in dem Glauben, „selbst und ständig“ arbeiten zu müssen? Dann solltest du dringend umdenken. Vorausgesetzt, dass du Ablenkungen ausschaltest und deine Aufgaben sinnvoll strukturierst, kann ein Sechsstundentag dich langfristig wirklich voranbringen und dringend benötigte Kraft schöpfen lassen.

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