Die Gründerinne-Kolumne

Gründermindset ist wie an den Weihnachtsmann zu glauben

Entscheidet wirklich das Gründermindset über Erfolg oder Scheitern? Kann man Zweifel mit dem richtigen (Brain-)Waschmittel einfach rausspülen, wie die Bratenflecken vom Festessen? Unsere Kolumnist steckt vor den Festtagen in der Glaubenskrise und fragt sich: Bringt mir der Weihnachtsmann eine Million Euro, wenn ich an ihn glaube?

Bekomme ich wirklich Geschenke vom Gründermindset, wenn ich dran glaube? „Du musst an Dich und Dein Business glauben!“ brüllt eine brünette Frau mit Dutt und Hornbrille in eine Kamera, die sie in ihrem Wohnzimmer aufgebaut hat. Ich drehe den Ton an meinem Computer runter und höre sie leiser schreien: „Trau Dich an Deinen Erfolg zu glauben!“ Ab da bin raus, nach acht Sekunden. Ich glaube nicht ans Glauben. Ich habe eine empirische Untersuchung dazu gemacht, was ich mit meinem Glauben bewegen kann. Ergebnis: Nichts. Kannst Du auch versuchen. Stell Dir den Menschen vor, den Du am meisten auf der Welt hasst und versuche ihn mit Deiner Gedankenkraft auszulöschen! Warte fünf Minuten. Hat’s funktioniert?

Ein Gründermindset bewirkt noch keine Wunder

Wenn Du Dir das Ergebnis nur vorstellst, bist Du wie ein Kind, dass sich die Hände vor die Augen hält und denkt die Welt sei weg. Damit Sachen passieren, müssen Sachen passieren. Das gilt für Mord und Business gleichermaßen. Juristen sprechen hier von der conditio-sine-qua-non. Juristen mögen Latein. Als Gründerin kannst Du davon aber auch noch was lernen. Denn dieser Satz sagt aus, dass Handlungen und Vorgänge notwendig sind, damit ein Ereignis eintritt.

Gründermindset oder Erfolgsgebete?

Wenn Du Deinen Nemesis vor einen Lastwagen schubst (bitte mach das nicht, das ist nur ein Beispiel!) ist das eine Handlung, die zu einem Ereignis führt. Wenn Du das tust, weil Du vorher meine Kolumne gelesen hast, ist das ebenfalls eine conditio-sine-qua-non: Meine Kolumne inspirierte Dich zum Verbrechen. Ich werde dann auch zum Prozess geladen und vielleicht sogar für mitschuldig erklärt. Also lass das wirklich mit dem Mord! Gründe lieber was Nützliches. Aber fängt das wirklich beim Gründermindset an? Ist der Glaube die conditio-sine-qua-non für deinen Erfolg?

Die Frau im Video schmettert ihre Bildschirmpredigt genau zu diesem Thema. „Glaube an Deinen Erfolg!“, exklamiert sie und kann sich dabei sichtlich schwer zurück halten ihre Arme nicht in Cristo Redentor Pose auszubreiten. Ich beichte, ich habe doch nochmal eingeschalten, nach den acht Sekunden. Zu Recherche- und Forschungszwecken. Doch ich brauche mehr Quellen, um zu erfahren, was passieren muss, damit der Erfolg zum Tatbestand wird?

Die Forschung belegt die Wirkung des Erfolgsglaubens

Es gibt tatsächlich Forschung zum Erfolgsglauben. Laut einer McKinsey-Studie hat das Mindset einer Person einen stärkeren Einfluss auf ihren akademischen Erfolg als ihr sozio-ökonomischer Hintergrund. Nicht nur Menschen aus gutem Elternhaus machen einen guten Abschluss und werden gut bezahlte McKinsey-Berater. Ausschlaggebend für Erfolg ist das, was die amerikanischen Psychologinnen Angela Duckworth und Carol Dweck herausfanden. Beide sagen, DAS Mindset gibt es nicht. Stattdessen gäbe es zwei Arten von Mindset, zwei Denkrichtungen in Hinblick auf das eigene Mindset, die über Misserfolg oder Erfolg entscheiden.

Gründern hilft ein Growth Mindset

Personen mit einem „fixed mindset“ nehmen an, dass Kompetenzen und Eigenschaften einer Person angeboren und unveränderbar sind. Wenn es Dir etwas schwer fällt, zum Beispiel rückwärts einzuparken, dann ist das ebenso. Dann bist Du von Geburt an eine schlechte Einparkerin! Frauen können das halt nicht! Diese Ansicht deprimiert nicht nur Dich als LeserIn, sondern auch Personen, die buchstäblich unter ihrem Fixed Mindset leiden. Viel besser ist darum laut den Forscherinnen das Growth Mindset, die Überzeugung, dass wir uns als Individuen und Menschen kontinuierlich weiterentwickeln. Alles ist lernbar! Jede Parklücke ist eine Chance, um über Dich hinaus zu wachsen!

Wer glaubt, dass es nichts gibt, geht leer aus

Eine weitere amerikanische Studie stellt einen Zusammenhang zwischen positivem Mindset und einem längeren Leben her. Siebeneinhalb Jahre länger lebten danach Menschen, die das Altern willkommen heißen. Die, die das Altern als Bürde betrachten, möchten höchstwahrscheinlich auch keine sieben Jahr länger erleben, wie sich Falten und Gebrechlichkeit häufen. Bestseller-Autor Stephan Covey hat das Konzept von Mangel-Mindset vs. Wohlstands-Mindset geprägt. Welchem von beiden Du Dich zuordnen kannst, findest du einfach heraus, in dem Du Dich fragst, ob Das Glas nun halb leer oder halb voll ist.

Du kannst ein Gründermindset haben und trotzdem nicht dran glauben

Je mehr ich dazu recherchiere, desto mehr merke ich: Es gibt eine Übersetzungsdiskrepanz. Was im englischsprachigen als Mindset definiert ist, ist nicht gleich dem deutschen Glauben. Glauben ist dort, wo es keine Fakten gibt. Die Motivatorin aus dem Video sollte lieber aufhören von Glauben zu quasseln und ein bisschen denglischen. Denn das Konzept des Gründermindsets inspiriert zur Handlung und wird so zur conditio-sine-qua-non. Weil Du entscheidest, dass beim halbvollen Glas noch was geht, fängst Du an Wasser drauf zu schütten. Beim reinen Glauben, würdest Du zu einem leeren Glas sagen: „Ich glaube Du bist voll.“ Das ist dann aber nur voll daneben.

Das beste Mindset sagt Dir: Mach mal lieber!

Der Begriff des Mindsettings kann auch technisch interpretiert werden. Stell Dir eine Schaltfläche vor an der Du Deine Einstellungen buchstäblich einstellst. Effizienz auf 100 Prozent hoch, Zweifel runter auf fünf. Du hast nicht deswegen Erfolg, weil Du dran glaubst, sondern weil Du Deine wertvolle Zeit nicht mit schlechten Youtube-Videos verschwendest! Oder wie es Michael Jordan ausgedrückt hat: „Some people want it to happen, some wish it would happen, others make it happen.“

Info: Am 20.12 und 27.12.2020 pausiert die Gründerinnen-Kolumne für eine kleine Weihnachtspause. Am 03.01.2021 liest du dann wieder neuen frischen Kolumnen-Content!

Über den Autor

Autorenprofil: Juliane Schreiber

Juliane Schreiber

Juliane Schreiber gründete 2018 das Startup Mama Meeting und lernte dabei nicht nur viel über’s Gründen, sondern auch darüber, wie es ist sich als Female Entrepreneur in Start-Up- und Geschäftswelt behaupten zu müssen. Zuvor war sie in leitender Position an der Universität zu Köln tätig, verantwortete den Oberbürgermeisterwahlkampf 2014 für die SPD in Düsseldorf, bloggte und veröffentlichte Bücher rund um Digitalisierung und Beziehungen. Bei TV- und Printredaktionen, sowie in Agenturen in Deutschland und Dubai lernte sie das journalistische Handwerk. Ihre Gründerinnen-Kolumne erscheint wöchentlich auf Gründer.de.