Die Gründerinnen-Kolumne

Besondere Helden und un(ter)bezahlte Heldinnen

Eine Videoserie mit Titel „Besondere Helden“ verbreitet sich im Internet. Auftraggeber für die Filme war die Bundesregierung. Das Ziel: Junge Menschen auf humorvolle Weise davon zu überzeugen, soziale Kontakte einzuschränken und zu Hause zu bleiben. Als Frau, Mutter und Gründerin sucht unsere Kolumnistin Juliane Schreiber nach dem Witz in der Darstellung der besonderen Helden und fragt sich, was besondere Helden von echten unterscheidet.

Mit der Videoreihe „besondere Helden“ ruft die Bundesregierung zum Zuhausebleiben auf. Der Aufruf „Sei einfach stinkfaul“ ist das Antidot zu den Motivationsquotes, die täglich meine digitalen Timelines fluten. Zwischen bunten Kachel mit Sätzen wie „One day or day one, you decide“ und „Don’t wish for it, work for it” tauchen nun Videos alter Männern und einer Frau (wieso nur EINE Frau, meine Herren?!) auf, die aus einer fernen Zukunft in erhabenem Gestus auf das Jahr 2020 zurückblicken. Diese alten Säcke waren die Helden unserer Zeit. Oh Mann (und Frau. Drei Videos, aber nur eine Frau. In einer Nebenrolle!). Um es mit den Worten von YACHT zu sagen: „I tought the future would be cooler!“

Besondere Helden bleiben zu Hause, während die Frauen arbeiten?

Bei den Videos über die „Besonderen Helden“ frage ich mich zuerst mal: Wo sind die besonderen Heldinnen? Ja, eine ist da. Reicht nicht für den Bechdel-Test, Jungs. Was ist mit dem Rest der Frauen? Achja, da war was. Die sind arbeiten. Die sind ja systemrelevant. Deswegen bezeichnete sie der Frauenrat auch schon zur Mitte des Jahres als Heldinnen, ganz konkret als Un(ter)bezahlte Heldinnen. Das ist natürlich nicht so cool wie Zocken oder vor der Glotze mastur… äh vegetieren.

Besondere Helden sind jung, männlich, weiß und wohlhabend

In einem Kommentar unter dem Video werde ich aufgeklärt: Das Video richtet sich ja auch gar nicht an Frauen, sondern an „junge Leute“. Achso. Moment, gibt es keine weiblichen jungen Leute? Machen Eierstöcke alt? Okay, das Video richtet sich an Jungs. Engeres Zielgruppen-Targeting für eine bessere Conversion. Kann ich nachvollziehen. So funktioniert da Internet. Die angesprochenen besonderen Helden sind aber nicht nur männlich, weiß und jung (und ziemlich gut bei Kasse, wenn man sich die Wohnungen und das Unterhaltungsequipment in den Videos anschaut), sie kennzeichnet ein unproduktiver Habitus. Interesse: Nix. Lieblinsghobby: Noch weniger. Besondere Fähigkeiten: So Zero, wie ihre Lieblingslimo.

Die Generation Z hat andere Helden

Als Mutter eines Sohnes, der schon als Kleinkind mein ganz persönlicher Held ist, prophezeit mir das Video ein zukünftiges Familienleben, das daherkommt wie der Alltag der Proles in George Orwells 1984. Diese Arbeiterschicht in der berühmten Dystopie wird mit Medien und Krieg passiv, arm und machtlos gehalten. Um es nochmal mit YACHT zu sagen: „I thought the brave world would be newer.“ Denn mein Eindruck der Generation Z war bisher der, sehr kritischer, autonomer und anspruchsvoller Individuen, die jeden Morgen mindestens ein Motivationsquote mit ihrem Veggie-Smoothie konsumieren, enormen Wert auf Fitness legen und nicht bereit sind ihre Arbeitskraft für einen Job mit weniger als 200 % Real Purpose zu verkaufen. Ich dachte ihre Helden sind Influencer, die ihnen zurufen „Du kannst das auch!“ und ihre Freizeitaktivitäten die „Fridays for Future-Demos“. Jeder von ihnen hat seinen persönlichen Coach und mindesten eine Gründungsidee für ein besseres, umweltfreundlicheres Amazon in der Tasche.

JOMO statt FOMO

Zugegeben, genau dieses Image nährt die Befürchtung, dass nicht Covid-19 die größte Angst der heranwachsenden Generation ist, sondern FOMO. Das Fear of Missing out. „Diese ganzen Coaches und Motivationszitate machen die junge Generation ganz wuschig“, mag die Kanzlerin gesagt haben. Die wollen doch alle was gründen, was erfinden, was innovatives erschaffen. Die ziehen doch zu Scharen in ihren neuen Tempel und bringen Opfergaben in die Höhle der Löwen! Diese Generation muss nun also aufgehalten werden. Aber doch nur davon ihre Aerosole und Körperflüssigkeiten zu verbreiten, nicht davon die Zeit zu Hause sinnvoll und produktiv zu nutzen. JOMO statt FOMO. Joy of Missing out. Statt jede Chance zu packen, einfach mal bewusst auswählen, was die eigene Zeit und Energie wirklich Wert ist.

Besondere Helden sind keine echten HeldInnen

Während Louise und Anton Lehmann Hähnchenschenkel im Bett aßen und Tobi Schneider digital schwer bewaffnet durch Mesa zog, hat die Achtklässlerin Anika Chebrolu aus Texas ein Protein entdeckt, das bei der Behandlung von Corona-Patienten helfen könnte. Der 17-jähirge Avi Schiffmann aus Washington hatte es im März 2020 möglich gemacht, übersichtlich und gut verständlich Infektionsverläufe auf der Welt nachzuvollziehen, lange bevor Behörden und Wissenschaftseinrichtungen weltweite Vergleiche ins Netz stellten. Aber das sind ja keine besonderen Helden, oder doch? Die sind dafür ja nicht zu Hause geblieben. Doch. Sind sie. Vielleicht sind Kids wie Anika und Avi dann eher echte Helden, statt besonderer. Schon meine Mutter meinte es nicht als Kompliment, wenn sie über ein anderes Kind in meiner Klasse sagt: „Die ist ein bisschen besonders.“

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Über den Autor

Autorenprofil: Juliane Schreiber

Juliane Schreiber

Juliane Schreiber gründete 2018 das Startup Mama Meeting und lernte dabei nicht nur viel über’s Gründen, sondern auch darüber, wie es ist sich als Female Entrepreneur in Start-Up- und Geschäftswelt behaupten zu müssen. Zuvor war sie in leitender Position an der Universität zu Köln tätig, verantwortete den Oberbürgermeisterwahlkampf 2014 für die SPD in Düsseldorf, bloggte und veröffentlichte Bücher rund um Digitalisierung und Beziehungen. Bei TV- und Printredaktionen, sowie in Agenturen in Deutschland und Dubai lernte sie das journalistische Handwerk. Ihre Gründerinnen-Kolumne erscheint wöchentlich auf Gründer.de.