Die Gründerinnen-Kolumne

Gründer sind professionelle Prokrastinierer

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Unsere Kolumnistin arbeitet immer. Doch lässt sich zugleich nie zur Arbeit zwingen. Darum fragt sie sich, ob das wirklich Arbeit ist, was sie tut. Ist sie womöglich eine professionelle Prokrastiniererin oder hat die Ablenkung sie zur Gründerin gemacht?

80 Stunden-Wochen, ständig mit den Gedanken beim Business, immer dabei weiter zu kommen. Gründer:innen arbeiten IMMER! Oder nie? Eine Expertin für Human Design diagnostizierte bei mir vor kurzem eine intrinsische Motivation. Als sie das sagte, hielt ich den Kopf vor Stolz sofort ein bisschen gerade und höher. Hachja, ich hab’s halt einfach, das was man zum Gründen braucht! Doch wenn ich auf meinen Karriereweg zurückschaue, fällt mir auf, soooo motiviert war ich nun wirklich nicht immer. Ich behaupte sogar, dass es die Prokrastination war, die mich zum Gründen brachte. Arbeiten Gründer:innen also ständig und immer, oder gründen sie vielleicht, um die Arbeit, die sie tun sollen und müssten, zu vermeiden?

Das bisschen Arbeit als Gründerin

Was ist denn eigentlich Arbeit? Da müssen wir wohl anfangen. Wenn ich als Gründerin und Mutter sage, dass ich Gründerin und Mutter bin, höre ich oft: „Wie schaffst du das nur alles?“ Mein Gehirn reagiert darauf mit dem Abspielen der Melodie von Johanna von Koczians Klassiker „Das bisschen Haushalt“.. dudududumm. So viel ist das nun wirklich nicht, will ich dann immer antworten. Wenn man mich fragt, ob ich arbeite, dann muss ich immer schmunzeln. Denn einerseits kann man als Mama nicht nicht arbeiten. Kinder sind sehr anspruchsvolle Kunden!

Andererseits mache ich als Selbstständige den lieben langen Tag was ich will. Wenn Arbeit also etwas ist, bei dem ich gegen meinen Willen etwas tue, dann arbeite ich wohl nicht. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Arbeit als eine „spezifische menschliche – sowohl körperliche als auch geistige – Tätigkeit, die der Existenzsicherung dient“. Diese Erklärung schließt nicht aus, dass man mit der Prokrastination Geld verdient.

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Auch die Wissenschaft macht sich einen Spaß aus der Arbeit

Jihae Shin und Adam M. Grant untersuchten, ob Prokrastination auch produktiv sein könnte. Dazu gaben sie Probanden ein Problem, das sie lösen sollten und lenkten sie dann mit Youtube-Videos ab. Schon beim Lesen der Studie stellt sich mir die Frage, ob das, was die Wissenschaft da tut, wirklich als Arbeit durchgeht. Während meines Studiums musste ich mal für einen Job Tagelang Bilder von attraktiven Sportlern und Sportlerinnen recherchieren. Nicht die schlimmste Aufgabe meines Lebens. Aber genug der Ablenkung! Zurück zum Thema! Das Experiment mit den Youtube-Videos kam zu dem Ergebnis, dass die Probanden, die sich ablenken ließen, kreativere Lösungen für das gestellte Problem entwickelten. Die Aussage galt aber nicht uneingeschränkt. Tatsächlich zeigt sich bei der produktiven Prokrastination nämliche die berühmte Gaußsche Normalverteilung. Wer sich gar nicht ablenken lässt, ist weniger kreativ. Wer aber nur abgelenkt ist, kommt nicht mehr zur Problemlösung. Ein bisschen Ablenkungen ist also ideal.

Ich prokrastinierte, um ein größeres Problem zu lösen

Wie findet man also das ideale Maß an Prokrastination? Ich glaube produktiv wird’s, wenn man sich deswegen nicht zu den eigentlichen Tätigkeiten, die man tun sollte, motivieren kann, weil etwas mit der Aufgabenstellung oder dem Rahmen der Umsetzung nicht stimmt. So kam ich zu meiner Gründung. Weil ich mich als berufstätige Mutter fragte, warum mich auf einmal alle fragen, ob ich arbeite und wie ich das mit Kind schaffte, gründete ich ein Unternehmen, das aktiv gegen diese Vorurteile angeht. Mit Mama Meeting bringen wir berufstätige Mütter zusammen, die sich gegenseitig und mit vielfältigen Expertinnen zur Seite persönlich und beruflich weiterentwickeln. Damit habe ich gegründet, um vom gängigen Struggle als Working Mom zu prokrastinieren. Meine Arbeit als Gründerin wurde damit vor allem zur Lösung meiner eigenen Probleme. Das ist ziemlich egoistisch. Und ziemlich cool.

Wer nie zur Seite schaut, verpasst Chancen

Genauso geht es vielen Gründerinnen und Gründern. Wer immer den Blick darauf legt, möglichst viel zu schaffen, merkt doch gar nicht, wo Veränderungen möglich ist, wo Potentiale schlummern und ist viel zu busy, um sich wichtige Fragen zu stellen. Gründer kamen meist auf ihre Gründungsidee, während sie ein anderes Ziel als das Gründen verfolgten. Das Gründen war dann eine Nebenwirkung der Prokrastination. Letztlich glaube ich, wir sind alle intrinsisch motiviert, aber stecken einfach manchmal an der falschen Aufgabe fest.

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Über den Autor

Autorenprofil: Juliane Schreiber

Juliane Schreiber

Juliane Schreiber gründete 2018 das Startup Mama Meeting und lernte dabei nicht nur viel über’s Gründen, sondern auch darüber, wie es ist sich als Female Entrepreneur in Start-Up- und Geschäftswelt behaupten zu müssen. Zuvor war sie in leitender Position an der Universität zu Köln tätig, verantwortete den Oberbürgermeisterwahlkampf 2014 für die SPD in Düsseldorf, bloggte und veröffentlichte Bücher rund um Digitalisierung und Beziehungen. Bei TV- und Printredaktionen, sowie in Agenturen in Deutschland und Dubai lernte sie das journalistische Handwerk. Ihre Gründerinnen-Kolumne erscheint wöchentlich auf Gründer.de.

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