Auf der Suche nach Geschäftsideen lohnt es sich eigentlich immer über den Atlantik zu schauen. Wenn es um Startups, investiertes Kapital und innovative Geschäftsideen geht, liegt die USA weit vorne. Copycats, also Unternehmen, die dreist us-amerikanische Geschäftsideen kopieren und damit an den heimischen Markt gehen, sind keine Seltenheit. Derzeit offenbart sich beim Blick auf den US-Markt aber auch ein Milliardengeschäft in einer hierzulande noch unbesetzten Nische – Cannabis.

Der „Green Rush“ in Übersee

Analog zum „Gold Rush“ ist von einem „Green Rush“ die Rede, nachdem Cannabis in 23 von 50 Bundesstaaten legalisiert wurde. In 8 Bundesstaaten ist auch der Konsum zu reinen Genusszwecken inzwischen legal. Dass es im Vorreiter-Staat Colorado inzwischen mehr Gras-Shops als Starbucks-Filialen gibt, wird gern angeführt. Die Legalisierung ging Hand in Hand mit der Kommerzialisierung.

Das hat auch „grüne“ Startups auf den Plan gerufen. So baut das Unternehmen LeafLine aus Minnesota medizinisches Cannabis an. Die GrowBuddy-Gründer indessen haben einen grünen Daumen in App-Form programmiert, ein Angebot, das sich an alle richtet, die ihr Gras selbst anbauen. Andere Cannabis-Startups wie zum Beispiel PRINTABOWL, setzen auf Kiffer-Zubehör und High-Tech. Bei PRINTABOWL wird auf Desginer-Ware aus dem 3D-Drucker gesetzt. Beim Besuch der Seite wird auf eine minimalistische Optik gesetzt, die eher an Modedesign erinnert, als an den typischen Headshop mit seinen klischeelastigen Jamaika-Anleihen. Auch die Zielgruppe ist eine andere. Immerhin handelt es sich hier um Designer-Bongs für 300 Dollar.

Ein Beispiel Cannapreneure in Aktion

Screenshot: PRINTABOWL

Es wird aber nicht nur gegärtnert und geraucht. Unter anderem hat sich eine eigene „grüne“ Tourismusbranche in Denver entwickelt. Besonders beliebt sind auch mit Cannabis versetzte Lebensmittel, sog. Edibles, Kekse, Popcorn, Brownies, Zuckerstangen…
Auch dort, wo Marihuana offiziell nur zu medizinischen Zwecken zugelassen ist, boomt der Handel. So ist zum Beispiel der Erwerb einer „Medical Marijuana Identification Card“, mit der sich legal medizinisches Cannabis erwerben lässt, in der Startup-Metropole San Franciso denkbar einfach geworden.
Indessen machte der Paypal-Gründer Peter Theil Anfang 2015 Schlagzeilen, als er mehrere Millionen Dollar in legales Cannabis investierte. Dieses Jahr, investierte auch Microsoft ins Cannabusiness. Ob sich die Erwartungen an den Markt erfüllen, bleibt jedoch abzuwarten.

So oder so ist Handel mit und rund um Marihuana in den USA bereits jetzt ein Riesengeschäft, an dem der Staat in Form von Steuern massiv mitverdient. Zugleich tat auch ein Mittel für Schmerzpatienten not, das nicht das Abhängigkeitspotential von Opiaten hat. Eine ganz andere Front im Kampf der Vereinigten Staaten gegen die Drogen ist nämlich der massenhafte Missbrauch von verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln auf Opium-Basis. Es hat also durchaus rationale, wirtschaftliche und vor allem auch wissenschaftliche Gründe, dass fast die Hälfte aller Bundesstaaten in den USA bei Cannabis inzwischen umgedacht haben.

Medizinisches Marihuana – ein kurzer Überblick

Cannabis wird bereits seit Jahrtausenden zu Heilzwecken eingesetzt. Die Wirkung ist komplex und erst teilweise erforscht. In den 1960ern wurde das Endocannabinoid-System entdeckt, der Teil des Nervenssystems, der dafür verantwortlich ist, dass Cannabis im Körper seine Wirkung entfaltet. Seitdem weiß man, dass es zwei Rezeptoren gibt, an welche die in Cannabis enthaltenen Wirkstoffe, Cannabinoide, andocken können. Der bekannteste dieser 85 Cannabinoide ist Tetrahydrocannabinol, kurz: THC. Während Cannabis vor allem dafür bekannt ist, dass es psychoaktiv wirkt, zeichnet sich der medizinische Nutzen der Pflanze zunehmend ab. Chronische Schmerzpatienten können damit ebenso behandelt werden wie Menschen, die aufgrund von Multipler Sklerose oder anderen Erkrankungen an Spasmen leiden. Bei Krebspatienten und AIDS-Kranken kann Cannabis benutzt werden, um trotz Chemotherapie oder Auszehrung den Appetit anzuregen und Übelkeit zu bekämpfen. Bei Menschen, die am Tourette-Syndrom leiden, kann Cannabis helfen, die stigmatisierenden Tics zu reduzieren.

Cannabusiness Symolbild

CC0 Public Domain/ pixabay.com


Durch die Gewöhnung wird die psychoaktive Wirkung mit der Zeit schwächer. Allerdings existieren auch Ansätze, medizinisches Cannabis mit wenig psychoaktiven Bestandteilen zu züchten. Ungeeignet ist Hanf hingegen für besonders junge und besonders alte Menschen. Bei Kindern und Jugendlichen steht es im Verdacht, die geistige Entwicklung zu beeinträchtigen und das Risiko an Schizophrenie zu erkranken zu erhöhen. Bei älteren Menschen können Nebenwirkungen, die das Herz-Kreislauf-System betreffen, gefährlich werden, auch wenn es extrem unwahrscheinlich ist, am Konsum von Cannabis zu sterben. Ungeeignet ist Cannabis auch zur Behandlung von Menschen, die zusätzlich an einer Suchtkrankheit leiden oder psychisch schwer erkrankt sind. Ohnehin gilt hier wie bei jedem Arzneimittel: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung.


In Deutschland kann medizinisches Cannabis inzwischen legal verschrieben werden. Allerdings ist meist ein sog. BTM-Rezept erforderlich. Bei manchen Präparaten muss ein Antrag für eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Cannabis gestellt werden. Die Krankenkasse trägt die Kosten für die entsprechenden Arzneimittel auf Cannabis-Basis und die getrocknete Pflanze in der Regel nicht. Mit 15-18 Euro pro Gramm ist der Preis für viele PatientInnen nicht bezahlbar.

Legalisieren? – Deutschland diskutiert derzeit

Eine komplette Legalisierung von Cannabis in Deutschland ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar. Der Diskurs allerdings läuft. 2016 bekam der erste MS-Patient vom Bundesverwaltungsgericht die Erlaubnis, das für ihn sonst nicht bezahlbare Cannabis selbst anzubauen.

Nachdem auch andere PatientInnen in den letzten Jahren immer wieder wegen des erschwerten Zugangs zu medizinischem Cannabis geklagt hatten, wurde 2016 im Bundestag über den Gesetzesentwurf „Cannabis als Medizin“ beraten. Bei diesem Entwurf geht es darum, die Kosten für die Behandlung von den Krankenkassen übernehmen zu lassen und gleichzeitig den Weg für begleitende Forschung zu ebnen. Zugleich soll auf Cannabis aus staatlich reguliertem Anbau gesetzt werden, statt den Eigenanbau freizugeben.

Ein anderer Vorstoß fand dieses Jahr in Berlin statt, wo die rot-rot-grüne Koalition plante, eine kontrollierte Abgabe von Cannabis einzurichten. Drei Apotheken sollen Schmerzpatienten versorgen, während die Droge, so zumindest der Plan, bevor ihn das Bundesinstitut für Arzneimittel durchkreuzte, auch für Erwachsene zu Genusszwecken freigegeben werden sollte. Die „Null-Toleranz-Politik“, wie sie unter dem CDU-Innensenator Frank Henkel am Görlitzer Park, einem der Hauptumschlagsplätze für Drogen in Berlin, im Frühjahr eingeführt wurde, wird gleichzeitig aufgrund ausbleibender Ergebnisse massiv in Frage gestellt.

Auch am anderen Ende der Republik, in Düsseldorf, wird derzeit versucht, Cannabis in die Apotheken zu bringen. Auf politischer Ebene tut sich in Bezug auf medizinisches Marihuana und die Prohibitions-Kultur also etwas. Interessenvertreter auf der Legalisierungsseite sind dabei unter anderem die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e.V. (ACM) und der Deutsche Hanfverband (DHV).

Während es in Berlin die CDU war, die klar Position gegen etwaige Legalisierungspläne bezog und diese im Wahlkampf zum Bedrohungsszenario stilisierte, steht der Parteigenosse und Gesundheitsminister Herrmann Gröhe der Legalisierung von medizinischem Cannabis offen gegenüber. Die Union ist unter den etablierten Parteien ansonsten die Einzige, die die bestehende Gesetzeslage darüber hinaus beibehalten will.

Die Diskussion selbst ist vielschichtig.

Argumentiert man mit der Schädlichkeit der Droge und dem Jugendschutz, kann eingewandt werden, dass Alkohol und Tabak in diesem Fall ebenfalls verboten sein sollten und eine Freigabe dazu führen würde, dass überhaupt erst kontrolliert werden könnte, wer Cannabis kauft. Auch ließe sich so die Qualität der Droge kontrollieren, was die Schädlichkeit reduzieren würde.
Auf das Gegenargument, dass es sich um eine Einsteigerdroge handeln würde, lässt sich erwidern, dass das nicht zwingend richtig ist und vor allem damit korreliert, dass Konsum und Handel mit Cannabis kriminalisiert werden: Der organisierten Kriminalität wird hier das Monopol überlassen, wobei viele Dealer sich nicht für Jugendschutz interessieren, wohl aber für Cross-Selling, wenn sie Härteres als Gras im Angebot haben.

Letztlich sollte aber auch der Blick in die Niederlande, nach Portugal oder in die USA Cannaphobiker beruhigen. Die Legalisierung hat dort schließlich nicht zu Chaos, Zerstörung oder allgemeinen Niedergangserscheinungen geführt.

Chancen für Cannapreneure?

Selbst wenn Deutschland nicht auf dem Weg ist, zum Markt für THC-versetzte Süßigkeiten und für Zubehör für gut betuchte Genusskonsumenten zu werden, schlummert in medizinischem Cannabis Potential. Noch ist nicht geklärt, wie der staatlich regulierte Anbau vonstattengehen soll. Hier würden sich also Nischen finden lassen. Ebenso könnte auch der Bedarf für Apps oder andere Informationstools zu Hanf vertreibenden Apotheken oder zur Vernetzung von Cannabis-medikierten PartientInnen gefragt sein. Und welche Mittel und Hilfsmittel werden Patienten brauchen, die nicht rauchen? Im Falle einer Legalisierung wäre auch damit zu rechnen, dass bereits etablierte Unternehmen aus Übersee expandieren, weshalb nicht damit zu rechnen ist, dass etwaige Marktnischen lange unbesetzt bleiben würden.

Erste heimische Startups sind in DACH bereits in Position gegangen. Eines davon ist Cannaseur. Das 2015 gegründete Unternehmen hat sich auf Humidore made in Germany für (medizinisches) Cannabis spezialisert. Durch die optimale Lagerung soll die Qualität des Kisteninhalts gesichert werden. Beim Besuch der Seite wird sofort deutlich, dass sich das Angebot derzeit an Konsumenten in den USA und Kanada richtet. Die Cannaseur-Gründer haben durch diese Strategie nicht warten müssen, dass der Markt zu ihnen kam.

Ein anderes Cannabusiness ist das von Andreas Troger gegründete Unternehmen Hanfgarten. Der Online-Shop verkauft Cannabis in Form von Grünpflanzen, Tee und Extrakten, wobei es eine juristische Lücke in Österreich ausnutzt. Hanfgarten versteht sich als Vorreiter für den Verkauf von medizinischem Hanf und will sich auch in die dazugehörige Forschung einklinken. Im Interview mit Deutsche Startups verriet Troger, dass es sein Ziel sei, mit Hanfgarten zur „bekannteste[n] Cannabis-Brand“ in Österreich und Deutschland zu werden. Während der Shop selbst von der Rechtslage in Österreich profitiert, rechnet er damit, dass medizinisches Cannabis in zwei oder drei Jahren legal verfügbar sein wird. Die Sympathie der Crowd hat Hanfgarten auf jeden Fall gewonnen. In mehreren Crowdfinanzierungsrunden gelang es dem Unternehmen rund 400.000 Euro einzunehmen.

Ob Trogers Prognose sich für Deutschland erfüllt, bleibt abzuwarten. Wie es mit der Freigabe von medizinischem Cannabis weitergeht, dürfte letztlich auch vom Ergebnis der Bundestagswahl 2017 abhängen.

Schlusswort

Das Thema Cannabusiness wirkt auf den ersten Blick skurril. Es gibt aber guten Grund zur Annahme, dass es in den nächsten Jahren auch in Deutschland zu einem Umdenken in Bezug auf medizinisches Cannabis kommen wird. Das wäre zunächst für SchmerzpatientInnen und andere Erkrankte eine gute Nachricht, würde aber auch einen neuen, lukrativen Markt öffnen. Die Entwicklungen, die dorthin führen, sollten wir daher im Auge behalten. Aber bereits jetzt ist der Blick auf existierende Märkte extrem aufschlussreich, insbesondere der auf die USA, wo auch die Sillicon-Valley-Kultur wieder auf das Hippie-Vermächtnis trifft. Cannapreneure zeigen, wie man Dinge innovativ und mit einem Sinn für’s Geschäft angeht und dabei das Image von Produkten aufpoliert, um neue Kundengruppen zu erreichen.